Health
Soziale Verantwortung im Kontext von Konsum – Interview mit Helene Wittek
10. November 2021
Helene Wittek hat einen großen Auftrag und eine wichtige Message. Als Gründerin von Dare2Care sorgt sie dafür, dass sowohl Schüler*innen als auch Studierende Kompetenzen für eine selbstwirksame, gesunde und sozial verantwortungsbewusste Lebensführung lernen. Gemeinsam mit ihrem Team hält sie Workshops in Schulen und Hochschulen. Immer mit dem einen Ziel vor Augen: Jungen Menschen soziale Verantwortung nahe zu bringen, damit sie ab sofort und vor allem als Erwachsene für die wichtigen Themen unserer Zeit einstehen. Und auch mit uns hat sie zum Thema soziale Verantwortung gesprochen – nicht zuletzt im Kontext von Konsum.

Dare2Cares Auftrag ist es, jungen Menschen im Schulalter die große Welt der sozialen Verantwortung nahezubringen. Nehmt ihr eine Verantwortung auf euch, die an anderer Stelle versäumt wird?

Vereinzelt gibt es doch sehr engagierte Lehrer*innen, die sich darum bemühen, neben Mathe, Englisch und Co. auch weitere Themen anzusprechen. Oft hört man ja, dass einzelne Lehrer*innen in der Schullaufbahn einer Person einen großen Unterschied gemacht haben. Doch genau dort liegt unserer Meinung nach das Problem: Themen wie soziale Verantwortung oder psychische Gesundheit sind nicht fest im Lehrplan verankert, sondern kommen nur zur Sprache, wenn sich eine Lehrkraft persönlich dafür einsetzt. Hinzu kommt, dass in der Schule oft noch eine kompetitive Atmosphäre herrscht und Schüler*Innen mit viel Stress konfrontiert werden, ohne, dass sie gelernt haben, damit umzugehen. Genau da setzen wir an und wollen Veränderung. Wir glauben fest daran, dass Schule eines Tages ein Ort sein kann, in dem junge Menschen das lernen, was sie für ihren eigenen Lebensweg stark macht und was uns als Gesellschaft dabei hilft, sozial verantwortlich zu handeln.

Welche Themen sind überhaupt wichtig für Jugendliche?

Das kommt sehr stark auf das jeweilige Milieu und den sozioökonomischen Status an. Generell sehen wir aber folgende Themen: Selbstverwirklichung (Überforderung aufgrund der unendlich vielen Möglichkeiten), Zukunftsängste (Klimawandel), Identität, Selbstdarstellung (besonders in Bezug auf Social Media), psychische Gesundheit (gerade auch als Resultat der Pandemie).

Welche Rolle spielen Wirtschaft und Gesellschaft hinsichtlich der Sensibilisierung junger Menschen für das Thema „Soziale Verantwortung“?

Man sieht immer mehr Unternehmen, die informelle Bildungsangebote via Social Media schaffen, in denen es um Themen wie die Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit oder Mental Health Awareness geht. Gerade durch die starke Präsenz von Unternehmen im digitalen Raum und ihre Kooperationen mit Influencer*innen ist auch die Linie zwischen Wirtschaft bzw. Werbung und gesellschaftlicher Diskurs sehr schwammig. Das kann man natürlich kritisch sehen und argumentieren, dass Unternehmen immer die Gewinnmaximierung vor Augen haben und das nur aus Marketinggründen tun. Ich denke, bei dem Großteil der Unternehmen ist das durchaus auch die Priorität, wobei gerade Sozialunternehmen da doch einen ernstzunehmenden Anspruch haben, junge Menschen tatsächlich zu sensibilisieren. Grundsätzlich sehe ich das als interessante Entwicklung – solange das Unternehmen diese Werte auch selbst lebt: In der Unternehmenskultur und in der Wertschöpfungskette.

Wenn wir beim Thema Wirtschaft sind: Nachhaltiges Handeln ist ein großer Bereich der sozialen Verantwortung – das fängt ja nicht zuletzt beim Thema Konsum an. Welchen psychologischen Einfluss hat Konsum deiner Meinung nach auf Jugendliche?

Das kommt sehr auf das Wertesystem und die Ideale der jeweiligen Peer Group an: Je näher man diesem Ideal kommt, desto eher kann sich das positiv auf den eigenen Status in der Peer Group auswirken. Es kann sein, dass es im Freund*innenkreis geschätzt wird, wenn man nur Second Hand Kleidung trägt. Oder eben auch immer die trendigsten Designerstücke zu besitzen und mit der neuesten Technik zu glänzen. Es gibt Studien, aus denen hervorgeht, dass ein erhöhtes Konsumverhalten negativen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden junger Menschen hat. Andere Studien zeigen, dass erhöhte Konsumorientierung aus verschiedenen Aspekten besteht, die in unterschiedlicher Weise mit psychischem Wohlbefinden korrelieren. Besonders spannend finde ich dort den Faktor der „Unzufriedenheit“: Einer Studie nach sind Jugendliche, die mit der Quantität ihrer Besitztümer nicht zufrieden sind oder glauben, dass sie weniger als ihre Freund*innen haben, generell unglücklicher. Ich denke, dass das sehr mit dem Vergleich mit der Peer Group zusammenhängt. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen: Eine erhöhte Zahl an Konsumgütern macht nicht pauschal glücklicher bzw. korreliert nicht mit einem hohen Maß an psychischem Wohlbefinden.

Wo siehst du hier die größten Probleme?

Ich kann mir vorstellen, dass sich die Peer Group mit Social Media nun stark ausgeweitet hat. So vergleicht man sich nicht mehr nur mit seinen Mitschüler*innen, sondern eben mit der ganzen Welt. Ich vermute, dass sich das negativ auf den oben genannten Faktor der Unzufriedenheit auswirken kann. Zudem werben Unternehmen ja nicht nur mit dem Konsumgut an sich, sondern mit dem Gefühl, dass sich beim Erwerb einstellen soll. Ob Shakes, die zu besserer Fitness führen sollen oder Klamotten, mit denen man automatisch cool und beliebt werden soll. Das ist meiner Meinung nach der gefährlichste Aspekt, da (um bei dem Beispiel zu bleiben) für körperliche Gesundheit und Beliebtheit oft ganz andere Faktoren relevanter sind, die man nicht mit einen Klick erwerben kann.

Welche Rolle spielen bestimmte Marken beim Konsum junger Menschen und wissen junge Menschen überhaupt, welche Marken nachhaltig sind und welche nicht?

Eine große Rolle. Markenklamotten und Markentechnik sind Statussymbole. Viele Modetrends beruhen zum Beispiel nur auf Markenlogos. Und zum Thema Nachhaltigkeit: Ich glaube, dass viele junge Menschen zwar wissen, dass Fast Fashion Marken wie H&M, Shein und Zara nicht nachhaltig sind, doch oft keine andere Möglichkeit sehen: Zum einen aus finanziellen Gründen und da Fast Fashion sich sehr an den Trends orientiert, die sich momentan rasant wandeln. Hinzu kommt, dass das Greenwashing in dieser Branche es jungen Menschen noch schwerer macht, nachhaltig zu konsumieren.

Wann kann Konsum sich positiv auf Jugendliche auswirken? Wie muss Konsum hier genau aussehen?

Grundsätzlich braucht jedes Kind genug, um seine grundlegenden Bedürfnisse zu stillen: Neben angemessener Kleidung, sind das auch technische Hilfsmittel, wie ein Handy oder Laptop und Gegenstände, um sein Hobby auszuführen. In diesem Sinne ist Konsum auf jeden Fall elementar und bietet Jugendlichen Sicherheit und die Grundlage für weitere positive Erlebnisse. Daneben kann Kleidung oder die Gestaltung des Zimmers auch eine Form der Kreativität sein und den Jugendlichen Raum geben, sich zu entfalten und Erfahrungen der Selbstwirksamkeit zu machen.

Ihr geht in Schulen und platziert eure Message zu großen Themen der sozialen Verantwortung in Workshops direkt vor Ort – bei Lehrkräften und Jugendlichen. Welche Fächer sollte es deiner Meinung nach in einer „besseren Lehrwelt“ geben?

Ich bin eine große Befürworterin multidisziplinärer Ansätze: Demnach würde ich mich eher für ein Schulfach aussprechen, in dem alle Themen Raum bekommen, über die die Schüler*innen mehr lernen oder mit denen sie sich kreativ beschäftigen wollen. Die Lehrer*innen sehe ich da eher als Lernbegleiter*innen oder Unterstützer*innen. Je nach Interessengebiet kann das alles sein von der Klimakrise, über psychische Gesundheit bis hin zu Berufsorientierung oder sogar vermeintlich „langweilige“ Skills wie Buchhaltung oder wie Steuern funktionieren.

Welche Inhalte sollten im Fach „Konsum kann helfen“ auf dem Plan stehen?

Wie unterscheiden wir Greenwashing, Pinkwashing oder Diversity Washing von Unternehmen, die tatsächlich sozial verantwortlich und nachhaltig agieren? Wie sieht eine Wertschöpfungskette aus? Wieviel bekommt der*die Produzent*in oder die Hersteller*innen am Ende des Tages? Wie beeinflussen sich Kapitalismus, Post-Kolonialismus, Geschlechterungerechtigkeit und die Klimakrise gegenseitig?

Welche Message möchtest du Firmen mitgeben?

Gerade die junge Generation ist exzellent darin, Unternehmen zu entlarven, die soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit nur als Marketingmasche sehen. Deswegen meine Message: Branded euch nur als „conscious“ oder „sustainable“, wenn ihr das auch seid.

Den Talk von Helene Wittek aus dem Goldenen Haus zum Thema "Kann Schule Social Impact?" kannst du dir hier ansehen.
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