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„Man kann sagen, dass glücksdienliches Konsumieren eine Kunst ist“ – Interview mit Prof. Dr. Aloys Prinz
30. November 2021
Professor Doktor Aloys Prinz ist Wirtschaftswissenschaftler und hat sich auf die zwei Felder Glücksforschung und Finanzwissenschaft spezialisiert. Konträr? Nicht unbedingt! Im Interview erklärt Prinz was Glück bedeutet und wie dieses so begehrte Gefühl mit dem Thema Konsum zusammenhängt.  

Sie sind Experte für Glücksforschung – was macht uns Menschen so richtig glücklich?

Wir sind vermutlich nicht dafür geschaffen, dauerhaft glücklich zu sein. Sigmund Freud hat das so ausgedrückt: „Dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen“. Da nach Karl Popper „alles Leben Problemlösen“ ist (und dafür spricht sehr Vieles), dann sind wir zufrieden, wenn wir wieder einmal wichtige Probleme gelöst haben. Allerdings: das nächste Problem kommt bestimmt. Daher macht auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Autonomie zufrieden. Mit befreundeten Personen zusammen zu sein, ein enges zuverlässiges Unterstützungsnetzwerk von Personen zu haben, unterstützt Selbstwirksamkeit und Autonomie. „So richtig glücklich“ sind wir in bestimmten Glücksmomenten, die nicht so lange anhalten. Dazu gehören die „üblichen Verdächtigen“: verlieben, Intimität, tolle Erlebnisse im Urlaub, Beförderung im Job etc. Immer, wenn wir etwas sehr intensiv tun, wenn wir uns in einer Tätigkeit verlieren, erleben wir den „Flow“, vergessen alles um uns herum – und sind glücklich. Hier gilt aber auch die Warnung von Goethe (1815): "Alles in der Welt läßt sich ertragen, Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen."  

Warum haben wir eigentlich dieses Bedürfnis nach Glück?

Die Neurowissenschaften sagen, dass unser Gehirn von einem Glücksrausch zum nächsten strebt (1). Evolutorisch ist das dann sinnvoll, wenn unser Glücksempfinden mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden ist. Zumindest unsere Neugier scheint sowohl Glücksempfinden als auch besseren Überlebensstrategien zu dienen. Das würde erklären, warum wir immer wieder nach Erfolgen und Glückserlebnissen streben.  

Was kann ich tun, wenn ich mich unglücklich fühle?

Als Erstes wäre meines Erachtens herauszufinden, woran es liegt. Stimmt etwas in meiner Partnerschaft, im Job, im Umgang mit Freunden nicht? Bin ich überlastet (stressbedingtes Burnout) oder unterausgelastet (Boreout)? Was kann und was muss ich ändern? Wo liegt das größte ungelöste Problem? Was kann ich selbst tun? Brauche ich Unterstützung? Von wem, in welcher Form? Lebenskrisen sind von Zeit zu Zeit leider unvermeidbar. Sie bieten aber auch die Chance für Neuorientierungen. Unser Gehirn belohnt uns dafür, wenn wir uns anstrengen, Probleme aktiv lösen und tätig werden.  

Wo liegt der Unterschied zwischen Befriedigung und Glücksgefühl?

Befriedigung oder genauer „allgemeine Lebenszufriedenheit“ erfordert die Einschaltung des Nachdenkens, also kognitiv-reflexiver Gehirnaktivität. Ich denke über mich und meine Situation nach und bin damit entsprechend zufrieden oder nicht. Glücksgefühle entstehen demgegenüber spontan. Sie sind emotionaler Natur. Glücksempfinden hat auf der Ebene des Organismus messbare Effekte: Im Gehirn werden Endorphine ausgestoßen, wir empfinden Euphorie. Dieser Zustand des sogenannten „hedonischen Glücks“ hält allerdings nicht lange an. Zufriedenheit (auch „eudaimonisches Glück“ genannt) hält wiederum in der Regel über längere Zeiträume an.  

Wie fühlt sich Glück eigentlich genau an? Woran erkenne ich, dass ich „glücklich“ bin?

Glücksgefühle kennt vermutlich jede/r. Man empfindet Freude, man ist euphorisch. Man fühlt sich mit sich und der Welt in Einklang, man könnte die ganze Welt umarmen. Wie sich Glück anfühlt, kann man auch aus der Literatur erfahren, die die entsprechenden Empfindungen beschreibt. Allerdings kommt es auch vor, dass jemand unter „Anhedonie“ leidet, also kein Glück empfinden kann.  

Sie sind ja auch Finanzwissenschaftler – entsprechend haben Sie ja einen direkten Blick darauf, wie Glück und Finanzen zusammenhängen. Gibt es hier eine Formel?

Es gibt meines Erachtens zwei Zusammenhänge zwischen Einkommen und Glück. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe scheint die Lebenszufriedenheit kaum mehr mit zunehmendem Einkommen anzusteigen. Innerhalb eines Landes ist die Lebenszufriedenheit höher, je höher das Einkommen ist. Daraus lässt sich meiner Meinung nach folgern, dass Lebenszufriedenheit mit dem Einkommen zwar ansteigt, ab einer bestimmten Höhe aber keine starken zusätzlichen Effekte hat. Oder wie es der Schauspieler Peter Falk gesagt hat: „Geld allein macht nicht unglücklich“.  

Wie unterscheidet sich ihr Blick auf Konsum aus ihren zwei Rollen – als Finanzwissenschaftler und als Glückforscher?

Konsum ist einerseits ein Massenphänomen und wird mit entsprechenden Ausgabenanteilen für die einzelnen Konsumbereiche (Lebensmittel, Verkehr und Kommunikation etc.) dargestellt. Ökonomisch gesehen, spielt das Konsumverhalten unserer Bezugspersonen, unserer Peer Group, eine sehr große Rolle. Wir vergleichen uns und wollen nicht zurückfallen. Was dabei zu kurz kommt, aber glücksrelevant ist, ist die Qualität des Konsums. Es ist nicht gleichgültig, was wir konsumieren. Man kann es auch so sagen, dass glücksdienliches Konsumieren eine Kunst ist. Wir können uns vermutlich nicht des Einflusses unserer Peer Group komplett entziehen, aber eine gewisse Distanz kann nicht schaden. Wie schon der Philosoph Sören Kierkegaard gesagt hat: „Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“. Im Zweifelsfall sollte man überprüfen, ob es nicht glücksdienlich wäre, die Peer Group zu wechseln, getreu dem Motto von Robert Frank (1987): „Choosing the right pond“.  

Sie sagen, Menschen macht es glücklich, anderen (wirtschaftlich) zu helfen – was macht die andere Seite, die die nicht helfen können, weil sie wirtschaftlich schlechter gestellt sind, glücklich?

Man kann anderen auch unabhängig von der wirtschaftlichen Ausstattung helfen. Wir sprechen täglich mit vielen Menschen. Das können wir höflich und freundlich machen, aber auch herrisch und barsch. Wie der Volksmund schon sagt: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Hilfe und Unterstützung, auch mit sehr kleinen Gesten, macht schon deshalb etwas glücklicher, weil das Echo darauf uns selbst erfreut. Noch anders gesagt: Das Glück der Freundlichkeit und Hilfe liegt schon in den kleinen Dingen und hängt nicht vom Geld ab. Es ist eine Frage der Einstellung.  

Was haben Glück und Konsum Ihrer Meinung nach gemeinsam?

Das Glücksstreben und der Konsum haben eine helle und eine dunkle gemeinsame Seite. Alltagskonsum trägt kaum noch zum Glück bei; hier gilt, dass uns das Fehlen von Dingen aus dem Konzept bringen kann. Denken Sie nur daran, Sie stehen morgens auf und es gibt keinen Kaffee oder Tee. Glücklich macht derjenige Konsum, bei dem wir selbst aktiv werden müssen. Man erwirbt ein Musikinstrument – und lernt über längere Zeit, es zu spielen. Glücklich macht darüber hinaus der Konsum, den man mit Bezugspersonen teilt: ein gemeinsamer Urlaub (wo auch immer), ein neues Brettspiel etc. Die Schattenseite von beidem, Glück und Konsum, besteht darin, dass beides Suchtpotential hat. Spontane Käufe können wegen des sofortigen Glück-Schocks bisweilen in Kaufsucht enden, weil das Belohnungssystem im Gehirn nach ständig neuen Glück-Schocks sucht. Nicht umsonst wird vor bestimmten Gütern (Drogen – und dazu gehören auch Alkohol und Nikotin) gewarnt oder sie sind illegal.  

Welche Art von Konsum kann uns glücklich machen?

Wie in der Beantwortung der vorhergehenden Frage bereits gesagt, macht insbesondere derjenigen Konsum glücklich, der mit zusätzlichen Aktivitäten verbunden ist. Das zeigt beispielsweise der sogenannte Ikea-Effekt (2). Die Wertschätzung dieser selbst zusammengebauten Möbel wird durch die damit verbundene eigene Anstrengung erhöht – und macht glücklich. Darüber hinaus macht es uns glücklich, unseren Konsum direkt mit anderen zu teilen, wie beispielsweise ein gemeinsames Abendessen. Auch indirekt mit anderen zu teilen, macht glücklich. Das zeigen beispielsweise die Hilfsbereitschaft in vielen Lebenslagen und die Spendenfreudigkeit. Das ändert sich aber schlagartig, wenn man zum Teilen gezwungen wird.  

Glauben Sie, dass wir in einer Welt ohne Konsum glücklicher wären?

Eine Welt ohne Konsum ist schlichtweg unmöglich. Wir müssen konsumieren, sonst können wir nicht überleben. Die Frage ist lediglich, welche Art des Konsums (und auch welches Niveau) ist glücksdienlich bzw. schadet uns.  

Welchen Einfluss hat unser Umfeld auf unser Glücksgefühl?

Sich in der falschen Umgebung aufzuhalten, macht unglücklich. Die falschen Freunde, der falsche Job, der*die falsche Partner*in, ja sogar die falsche Stadt, der falsche Wohnort können uns unglücklich machen. Umgekehrt lohnt es sich demnach, darauf zu achten, dass man in diesen Bereichen die richtigen Entscheidungen trifft – oder sich als falsch erwiesene Entscheidungen (wenn möglich) revidiert.  

Welchen Einfluss haben wir selbst auf unser Glücksgefühl?

Unsere genetische Ausstattung scheint etwa zur Hälfte dafür verantwortlich zu sein, zu welchem Niveau an Glücksgefühlen wir fähig sind. Darauf haben wir keinen Einfluss. Darüber hinaus hat unsere Sozialisation, das Umfeld, in dem wir aufwachsen, weitere, kaum lenkbare Einflüsse. Dennoch können wir lernen, was uns glücklich oder unglücklich macht, und wie wir unsere Situation verbessern können. Hier hilft vor allem eine „Politik der kleinen Schritte“. An etlichen Stellen kleine glücksdienliche Veränderungen durchzuführen, bringt oft mehr als große. Das „große Glück“ ist demgegenüber oft eine Mogelpackung (verspricht viel und hält wenig). Mit Verstand und Gefühl haben wir die Möglichkeit, uns selbst glücklicher zu machen.  

Gibt es Phasen im Leben, in denen wir glücklicher sind und welche, in denen wir weniger glücklich sind?

Dies ist definitiv der Fall. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass wir in jungen Jahren und danach wieder in höherem Alter (etwa ab 50) glücklicher im Sinn von Lebenszufriedenheit sind als etwa zwischen 30 und 50. Die so genannte „Midlife-Crisis“ scheint es tatsächlich zu geben. Im hohen Alter kann sich das dann wieder ändern. Dabei spielt der Gesundheitszustand eine wichtige Rolle.  

Wenn Sie Menschen, die auf der Suche nach dem Glück sind, etwas raten würden, was wäre das?

Wie Daniel Gilbert, ein amerikanischer Glücksforscher, es ausdrückt, „stolpern“ wir ins Glück (3). Nach Glück zu suchen, ist dabei wenig hilfreich oder sogar kontraproduktiv. Es ist vermutlich aussichtsreicher, nach den Quellen der eigenen Unzufriedenheit zu suchen. Dort kann man viel leichter etwas ändern – und das ist glücksdienlich. Man muss zudem ein Gespür für die Lebenschancen entwickeln, die sich bieten. Zu erkennen, dass es eine Chance gibt, ist die eine Sache, sie auch zu nutzen, die andere. (1)  Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln. Frankfurt am Main 2003, stw. 1678 (2) Michael I. Norton, The IKEA Effect: When labor leads to love. In: Harvard Business Review 87(2), S. 30; Michael I. Norton, Daniel Mochon, Dan Ariely, The IKEA effect: When labor leads to love. In: Journal of Consumer Psychology 21(4), 2011 (3) Daniel Gilbert, Ins Glück stolpern. München 2008
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