Social Impact
Hilfe mit Weitsicht – wie die EinDollarBrille das Leben tausender Menschen verbessert
9. Dezember 2021

Ein Interview mit Martin Aufmuth, dem Entwickler der EinDollarBrille


  Martin Aufmuth hat die EinDollarBrille in der Werkstatt im Keller seines Hauses erfunden. Im Jahr 2012 gründete der Mathematik- und Physiklehrer den EinDollarBrille e.V. und sorgt seither dafür, dass auch Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu Sehhilfen bekommen. Wir durften mit ihm über sein Projekt sprechen und hatten natürlich einige brennende Fragen im Gepäck!
   

Was war der Anfang von EinDollarBrille und warum sind Brillen für euren Verein zu einer Herzensangelegenheit geworden?


    2010 las ich in dem Buch „Out of Poverty“ von Paul Polak, dass eine der letzten großen Erfindungen für Entwicklungsländer eine Brille sei, die sich Menschen leisten können, die von einem Dollar oder weniger am Tag leben. Ich dachte nur kurz: Schade, dass es das nicht gibt, da müsste sich mal die WHO oder Optikerverbände etc. darum kümmern und las weiter. Am nächsten Tag sah ich zufällig im 1-Euro-Laden in Erlangen eine billige chinesische Fertiglesebrille für 1 Euro! Ich dachte, seltsam, dass es in unserem reichen Deutschland so eine günstige Brille gibt und in Afrika nicht. 

    Ich begann zu forschen, studierte rund 1.000 Patente und begann mit verschiedenen Materialien zu experimentieren. Das Ziel war eine Brille, die robust ist, sehr günstig in der Herstellung und hübsch aussieht. Außerdem sollten die Gläser leicht austauschbar sein. Nach ein paar Monaten war sie dann fertig – die erste EinDollarBrille, zuerst als einfache Brille ohne Klappbügel…
   

Der Projektname verrät schon, worum es geht, aber warum gerade Brillen, warum sind die im Globalen Süden so wichtig?


  Mehr als 950 Mio. Menschen auf der Welt bräuchten eine Brille, können sich aber keine leisten. Kinder können nicht lernen, Erwachsene nicht arbeiten und für ihre Familien sorgen. Der Einnahmeausfall dieser Menschen (weil Kinder nicht lernen und Erwachsene nicht arbeiten können) beträgt rund 120 Mrd. US-Dollar pro Jahr. Dieser Betrag entspricht ungefähr der jährlichen weltweiten Entwicklungshilfe! Wir versuchen tatsächlich ein globales Problem strategisch zu lösen. Allerdings nicht mit Milliarden an Entwicklungshilfe, sondern durch den Aufbau eigenständiger, sozialer Unternehmerstrukturen.
 

Erzähle uns mehr über die EinDollarBrille!


  Die EinDollarBrille besteht aus einem extrem leichten, flexiblen und stabilen Federstahlrahmen. Farbige Perlen und Schrumpfschläuche verleihen ihr ein individuelles Design. Die EinDollarBrille wird auf einer einfachen Biegemaschine vor Ort hergestellt, die keinen Strom benötigt und daher auch in armen ländlichen Regionen von Entwicklungsländern problemlos eingesetzt werden kann. Die Materialkosten für eine Brille liegen bei rund 1 US-Dollar (inklusive Draht, Gläser, Schrumpfschlauch und Perlen). Der Verkaufspreis liegt bei 2 bis 3 lokalen Tageslöhnen eines einfachen Arbeiters.

Es können Brillen in verschiedenen Größen und für unterschiedliche Pupillendistanzen hergestellt werden. Die bereits fertig geschliffenen Brillengläser bestehen aus Kunststoff und sind bruch- und kratzfest. Das Sortiment besteht aus fertig geschliffenen Gläsern in Stärken von -10 bis +8 Dioptrien (in Schritten von 0,5 Dioptrien). Die vorgefertigten Brillengläser können mit einem einfachen Handgriff in den Brillenrahmen eingeklickt werden. Fertig ist die schnellste Brille der Welt! Teure Fräsmaschinen und Strom zum Schleifen der Gläser sind bei diesem System überflüssig.
 

Wie kommen die fertigen Brillen denn zu den Träger:innen? Wer macht die Sehtests, wer verkauft die Brillen?


  Da gibt es einmal das Vertriebskonzept: In den Ländern, in denen der EinDollarBrille e.V. aktiv ist, haben viele Menschen nicht das Geld, um in die Stadt oder zur nächsten Klinik zu reisen und dort eine Brille zu kaufen. Im Rahmen von Augencamps – lokale Kampagnen im Umfeld der Menschen – werden die Patienten vor Ort in ihrem Alltagsumfeld getestet und erhalten gleich im Anschluss eine individuell angepasste Brille. Die Teams des EinDollarBrille e.V. bringen Brillenrahmen in unterschiedlichen Größen und eine Box mit den fertig geschliffen Linsen zu den Augencamps mit. So dauert die Anpassung der Brillen nicht lange und viele Menschen können versorgt werden. Es ist somit kein zweiter Besuch beim Optiker erforderlich, der aufgrund der Kosten ohnehin oft nicht möglich wäre. Daneben baut der EinDollarBrille e.V. in den Projektländern weitere Vertriebskanäle auf, wie beispielsweise eigene Shops oder Verkaufsräume in Kliniken und anderen Institutionen, die vor Ort schon existieren.

  Dann gibt es spezielle Ausbildungen: Hierfür hat der EinDollarBrille e.V. in enger Zusammenarbeit mit Augenärzten und Optikern ein eigenes, einjähriges Ausbildungskonzept für Best-Spherical-Correction entwickelt. Diese Ausbildung befähigt dazu, beim Sehtest zuverlässig das bestmögliche sphärische Brillenglas zu finden und die Brille fachkundig anzupassen.

Ebenso werden Frauen und Männer vor Ort in der Fertigung von EinDollarBrillen ausgebildet. Nach erfolgreichem Abschluss können die EinDollarBrille-Produzenten selbst hochwertige Brillenrahmen herstellen. Geschulte Qualitätsprüfer sorgen für eine kontinuierliche Qualität der lokal hergestellten Brillenrahmen.
 

Wie teuer ist so eine Ausbildung zum Optiker bzw. Brillenbauer und wie lange dauert sie?


  Das große Problem weltweit besteht vor allem auch deshalb, weil es in den Entwicklungsländern nicht genug Fachkräfte gibt. Die Ausbildung zum Optiker dauert 3 oder 5 Jahre und kostet viel Geld. Die meisten Optiker gehen nach der Ausbildung in die großen Städte oder ins Ausland, weil dort mehr Geld verdient werden kann und sich so die hohen Ausbildungskosten schneller wieder amortisieren.

Hier ist unser zweiter Ansatzpunkt. Mit der Ausarbeitung des einjährigen Lehrplans (EDB-Curriculum für bestmögliche sphärische Korrektur/Curriculum for the Training in Best-Spherical-Correction) zur Ausbildung zur augenoptischen Fachkraft (GoodVision-Technician (GVT)) leisten wir hier einen wertvollen Beitrag. Die Kosten hierfür sind in den Ländern unterschiedlich: So kostet beispielsweise die einjährige Ausbildung zur augenoptischen Fachkraft in Indien für eine Person rund 2.000 EUR, in Bolivien hingegen nur 1.000 EUR.

 

Warum habt ihr euch gegen Spenden und ein Verschenken der Brillen entschieden? Können sich denn trotzdem alle eine Brille leisten?


  Die Brille kostet den Träger mehr als einen Dollar. Der Verkaufspreis der Brille beträgt 2-3 ortsübliche Tageslöhne. Das sind z.B. in Malawi etwa der Preis für ein Huhn oder ein Tellergericht im Restaurant. Das kann sich jeder leisten oder ersparen.

  Mit dem Verkaufserlös aus den Brillen sollen die Material-, Herstellungs- und Ausgabekosten komplett finanziert werden. Nur so kann eine zeitlich unbegrenzte Versorgung einer ebenfalls unbegrenzten Anzahl von Menschen sichergestellt werden. Eine dauerhafte Finanzierung von Brillen für 950 Mio. Menschen aus Spendenmitteln wäre nicht möglich. Zusätzlich werden Arbeitsplätze in den Zielländern geschaffen. Wenn wir Brillen verkaufen, dann haben wir also insgesamt ein größeres Budget zur Verfügung und können mehr Menschen helfen. Außerdem erhalten wir eher Feedback von Menschen, die (wenn auch nur wenig) Geld für eine Brille gezahlt haben. Sie werden sich beschweren, wenn die Brille nicht richtig passt. So können wir unsere Arbeit verbessern.

  Bedürftige, die die Brille zur Sicherung ihres Lebensunterhalts dringend benötigen, erhalten die Brille zu einem günstigeren Preis oder kostenlos. Kinderbrillen werden grundsätzlich kostenlos abgegeben.
 

Deutschland & Co. spenden bereits Altbrillen. Das ist ja eine nachhaltige Möglichkeit der Weitergabe. Warum genau habt ihr euch für eine Brille zum Selberbauen entschieden?


  Die „passenden Augen“ für die gebrauchten Brillen zu finden, ist mit großem Aufwand verbunden. Selbst wenn dies gelingen sollte, hat der Empfänger der Altbrille ein Problem, wenn diese kaputt geht. Ein passender Ersatz ist eventuell nicht vorhanden. Dann hat der zunächst stolze Altbrillenbesitzer vielleicht nur einmal kurz erfahren dürfen, wie viel leichter das Leben mit einer Brille wäre.

Das Anpassen, Umarbeiten und Verschicken einer gespendeten Altbrille oder deren Gläser aus den „reichen“ Ländern kostet ca. 20 US-Dollar. Neben diesem Kostenfaktor ist auch der emotionale Faktor nicht unerheblich. Die Menschen mit geringem Einkommen in den armen Ländern bekommen nicht eine abgelegte, alte Brille, sondern eine extra für sie angefertigte, hübsche Brille, bei deren farblicher Gestaltung sie eigene Wünsche einbringen können.

  Außerdem haben wir festgestellt, dass das Tragen einer „schicken“ Brille auch ein gewisses Statussymbol darstellt und die Menschen deshalb auch für ihre Augen ungeeignete Altbrillen aufsetzen. Dadurch kann an den Augen Schaden angerichtet werden. Aus diesen Gründen sammeln wir keine Altbrille, um sie in die Entwicklungsländer zu senden.

  Darum lassen wir von einheimischen Arbeitskräften in unseren Projektländern einfache genormte Brillengestelle in Handarbeit herstellen. Ein essentieller Aspekt unserer Arbeit ist die Ausbildung und den Einsatz einheimischer Arbeitskräfte – durch die EinDollarBrille werden in den Projektländern Arbeitsplätze geschaffen: in der Herstellung, der Augentestung und im Verkauf. Dieses „Hilfe-zur-Selbsthilfe-Prinzip“ spielt bei der Verteilung von Altbrillen jedoch keine Rolle.
 

Wie viele Menschen weltweit tragen bereits eine eurer EinDollarBrille?


  Nach bisher über 670.000 Sehtests konnten wir mehr als 300.000 EinDollarBrillen anpassen.
  

Wie soll es in Zukunft mit der EinDollarBrille weitergehen? Was ist eure Vision bzw. Mission?


  Unsere Vision ist: Alle Menschen weltweit haben dauerhaft Zugang zu augenoptischer Grundversorgung sowie zu günstigen und qualitativ hochwertigen Brillen. 

  Unsere Mission: Wir möchten eine augenoptische Grundversorgung für Menschen weltweit erreichen: Durch die Ausbildung von Fachkräften, den Aufbau von Strukturen und das Schaffen von Arbeitsplätzen vor Ort. Unsere Arbeit folgt stets dem Grundsatz, eine möglichst starke, positive soziale und gesellschaftliche Wirkung zu erzeugen, die möglichst lange anhält.

  Wir arbeiten kontinuierlich auf unser Ziel hin, eine augenoptische Versorgung für Menschen weltweit zu erreichen. Dabei erweitern wir auch stetig unsere Reichweite und werden im neuen Jahr mit Kolumbien ein neues Projektland in Südamerika eröffnen.
 

Was wünscht ihr euch von der Kooperation mit share?


Wir freuen uns auf die langfristige Unterstützung für unser Projekt in Burkina Faso, einem Land, das nicht nur von Corona, sondern auch von extremen Wetterlagen bedingt durch Klimawandel, politischer Instabilität und Terrorismus geprägt ist. Gerade dort sind der Aufbau und die Festigung der lokalen Strukturen von großer Bedeutung. Das gelingt uns mit festen Partnerschaften, die langfristige finanzielle Unterstützung garantieren.

  Durch die Kooperation mit share haben wir außerdem die Möglichkeit, die Arbeit der EinDollarBrille einem großen Kreis von Menschen sichtbar zu machen, der bisher noch nicht von unserer Arbeit für gutes Sehen in Entwicklungsländern gehört hat!
 

Vielen Dank Martin Aufmuth für dieses inspirierende Gespräch! 


  Mehr zum EinDollarBrille e.V. und Informationen, wie du die Arbeit des Vereins unterstützen kannst, findest du online  
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